Reisebericht IV: Eine Motorradreise gegen Depressionen

 

Geschichten schreiben sich nicht von allein. So auch diese nicht. Es brauchte erst zwei Motorräder, eine Krankheit und vor allem null Grenzen, damit diese Reise Wirklichkeit werden konnte. 

 

2016 erkrankte ich stark an Depressionen. Viele mir wichtige Dinge gab ich auf, so auch das Motorradfahren. Im letzten Jahr entschied ich mich dann dazu, wieder aufs Motorrad zu steigen und eine Reise anzutreten, die ich mir zwei Jahre zuvor wahrscheinlich nicht mal ansatzweise zugemutet hätte. Ich wollte mich für das belohnen, was ich bis dato geschafft habe, aber auch etwas Sinnvolles mit einfließen lassen. So überlegte ich und überlegte und hatte die Idee, für mein Umfeld erstmal eher eine Schnapsidee, eine Motorradtour durch Europa zu machen und diese dafür zu nutzen, über Depressionen zu reden und Spenden zu sammeln. 

 

Die ersten Reaktionen waren fast alle gleich. Wieso Europa, wenn du für ein in Deutschland angesiedeltes Projekt spenden sammeln willst? 

 

Naja, dachte ich mir. Hören Krankheiten einfach so an der Grenze auf, als hätte sie Angst und würden sagen: „Whuuu, ab hier aber nicht weiter, da drüben ist das Wetter schlechter!“ Nein, tun sie nicht. Gleiches gilt auch für die allermeisten Themen, wie Gleichstellung, soziale Missstände, Rassismus oder eben auch globale finanzpolitische Probleme. Also, darum Europa! 

 

Nachdem diese Frage dann auch irgendwann geklärt war, fragte ich meine beste Freundin ob sie nicht Lust hätte, mich zu begleiten. Lea, selbst leidenschaftliche Motorradfahrerin, gefühlte Profi Globetrotterin und vor allem ein Sprachengenie – ich wusste, in jeder Sekunde kann ich mich auf sie verlassen. Sie musste keine Sekunde überlegen und war sofort dabei. Die Planung konnte beginnen

 

Mit meinem besten Freund Flo hatte ich dann noch ein absolutes Brain an Bord, was Marketing und Design anging. Gemeinsam schufen wir die Initiative „Ach du, das wird schon wieder“, das Herzstück unserer Tour. 

 

Und dann war schon Juli. 3 Monate Planung und der Abend der Abfahrt war gekommen. Gemeinsam mit meiner Familie und Flo ging es zum Düsseldorfer Bahnhof. Dort verlud ich mein Motorrad auf den Autozug nach Innsbruck – dort wartete Lea bereits auf mich, die zu dem Zeitpunkt in München wohnte. 

 

Schon im Zug fand ich ziemlich schnell Anschluss. Jakko und Daniel aus den Niederlanden teilten mit mir das Abteil. Da wir uns alle zu viel Zeit bei der Buchung ließen, mussten wir nun in den sauren Apfel beißen und die nächsten 12 Stunden gemeinsam in diesem Sitzabteil verbringen. An viel Schlaf war nicht zu denken und wir vertrieben uns die Zeit mit Bier und Schwafeleien, aber auch ernsthaften Gesprächen, wie zum Beispiel meine Initiative. 

 

In Innsbruck trennten sich dann unsere Wege. Die beiden machten sich auf, den Trans Euro Trail mit ihren Enduros zu erkunden – ohne Schengen, beinahe unmöglich so etwas durchzuziehen. 😉Wir verabschiedeten uns und ich machte mich auf zu Lorenz, eine Transgender Mann und ein sehr guter Freund von Lea. Eine beeindruckende Geschichte, vor allem in einem noch ländlich und konservativ geprägten Österreich. Doch Lenz, wie er sich gerne nennt, zog es durch. Meinen absoluten Respekt und ein Zeichen, dass wir uns in Europa kollektiv weiterentwickeln. 

 

Die nächsten Tage führten uns durch den Westen Österreichs, in den Norden Italiens. Den ersten Stopp machten wir dort in Bruneck. Über Couchsurfing hatten wir uns schon im Vorfeld eine Unterkunft gesucht.

 

Couchsurfing, für die die es nicht kennen, ist ein Community, bei der Menschen buchstäblich ihre Couch an fremde Reisende verleihen, um mit ihnen Berichte, Erfahrungen und gemeinsame Zeit zu teilen. 

 

Bei Jakob angekommen war es ein so unglaublich herzlicher Empfang, obwohl wir uns bis dato nicht eine Sekunde gesehen haben und auch nur sporadisch mit ihm Kontakt hatten. Er kochte uns seine wirklich damn fucking grandiose Tomaten Pasta und anschließend gingen wir mit ihm uns seinen Freunden noch in eine kleine, urige Kneipe in der Altstadt. 

 

Am nächsten Morgen mussten wir schweren Herzens „ciao“ sagen. Wir wären gerne noch einen Tag länger geblieben, doch war vor allem zu Beginn unserer Tour der Zeitplan noch relativ eng gestrickt. Also fuhren wir los. Über Meran, Livigno und den Comer See kamen wir ein paar Tage später an den Lago Maggiore.

 

Dort erwarteten uns Maddy und Nico. Auch dort haben wir uns über Couchsurfing die Unterkunft organisiert. Eine nette Überraschung erwartete uns – wir wurden auf Deutsch begrüßt. Ihr Vater kommt ursprünglich aus Duisburg und wir flachsten über die ein oder andere Ecke, die er noch kannte. Kurz nachdem wir ankamen hieß es dann auch schon „bye bye“ zu sagen, denn die beiden Eltern machten sich auf in den Urlaub. So waren wir allein mit Maddy und Nico. 

 

Wir brachten unser Gepäck auf´s Zimmer, das schönste private Gästezimmer, in dem ich jemals übernachtete und anschließend stießen wir mit Bier am familieneigenen Pool an. An dem Abend stand die Mondfinsternis an, der sogenannte Blutmond und wir entschlossen uns gemeinsam, zu einer vermeintlich kleinen Party unten am See zu gehen. 

 

Die Party entpuppte sich als riesiges Lagerfeuer in einer alten Ziegelfabrik. Gut 60 Leute standen um das Lagerfeuer herum, Gitarren und Bongos wurden rausgeholt und man spielte die passende Musik zu diesem Setting. Es war irre, einfach irre. Wir fanden sofort Anschluss, auch ohne, dass Maddy und Nico uns jedem eigenen vorstellen mussten. Wir quatschten, wir tranken, irgendwann hatte ich eine Gitarre in der Hand und spielte Lieder zu dem Takt der Bongos – ein rund um grandioser Abend, mit großartigen Menschen! 

 

Der nächste Tag ging eher schleppend los. Wir fuhren mit den beiden runter an den See, frühstückten in ihrem Lieblingscafé, welches für die Lage fast lächerlich günstig war und anschließend zeigten uns die beiden den Lieblingsplatz ihres Opas – ein kleiner Arm des Lago Maggiore, von dem aus man Vögel fast in Handreichweite beobachten kann. Den Rest des Tages verbrachten wir damit, am Pool zu entspannen, die Sonne zu genießen, zum späten Nachmittag hin noch eine Handvoll Sehenswürdigkeiten zu besichtigen und den Tag mit ihren Freunden ausklingen zu lassen. Wir trafen uns mit einer 15 Mann starken Truppe vor einem bayerischen Restaurant, weil man wissen wollte, ob das authentische bayerische Küche ist. Lea erkannte sofort „nein“. Doch das änderte nichts an der Tatsache, dass wir von jetzt auf gleich Teil des Freundeskreises wurden. 

 

Leider hieß es am nächsten Morgen Motorräder beladen und weiter auf die Straße. So gerne wären wir noch ein Weilchen hiergeblieben, denn die beiden waren fantastische Gastgeber und großartige Freunde. Wir verabschiedeten uns schweren Herzens, jedoch mit der Gewissheit, definitiv zeitnah wiederzukommen. 

 

Die nächsten Tage führten uns über Parma, Florenz und Pisa an die Küste Mittelitaliens. Einen Abend trafen wir uns mit Bekannten von Lea, die zufällig zur selben Zeit am selben Ort waren. Als es dann für uns wieder in Norden ging, fing mein Motorrad an zu zicken. Undichtigkeit am Tank, gerissene Benzinschläuche und „zero“ Ersatzteile – ich hatte gefühlt alles dabei, nur das nicht, was ich gebraucht hätte. Zum Glück hilft man sich unter Campern. Unser freundlicher Nachbar kam schon tags zuvor, als wir ankamen auf ein Pläuschchen vorbei und erzählte uns, dass er hin und wieder in Deutschland als Maschinenschlosser auf Montage wäre. Als er dann sah, wie wir mit meinem Motorrad kämpften kam er vorbei, schaute sich das genauer an und kam breit grinsend mit einem Benzinschlauch und einer Tube Dichtpaste vorbei. Im Handumdrehen konnte ich meinen Tank abdichten, den Benzinschlauch wechseln und ihm gar nicht genug dafür danken. Nun konnten wir weiter Richtung französische Grenze fahren. 

 

Dort trafen wir Adrian und Johannes. Adrian, mit seinem T350 Bus in Europa unterwegs und Johannes ebenfalls auf dem Motorrad setzten sich beim Abendessen an einem Foodtruck zu uns und kamen direkt mit uns ins Gespräch. Wir aßen, tranken und lachten bis Mitten in die Nacht. Eigentlich wollten wir früh am Morgen los, denn mein persönliches Sahnestück, die Route des grandes Alpes wartete auf uns, aber daraus wurde leider nichts – zu stark war der Abend mit den beiden! 

 

Auf der Route des grandes Alpes kamen wir am Nachmittag auf gut 2000 Höhenmetern nicht einfach nur in ein Unwetter, nein, wir durften live Zeugen eines Erdrutsches werden, der uns im Tal um Barcelonnette einschloss. An Zelt aufbauen war nicht zu denken, dafür regnete es zu stark und verzweifelt suchten wir nach einer Schlafgelegenheit. So gut wie jedes Hotel war ausgebucht, doch eine sehr nette Dame an der Rezeption eines kleinen zwei Sterne Hotels in der Innenstadt telefonierte alle Möglichkeiten ab, die ihr einfielen. Und zack! Da hatten wir ein Zimmer in einem B&B etwas außerhalb der Stadt. 

 

Wir fuhren wie die Berserker durch den Regen, einfach nur die heiße Dusche im Hinterkopf. Dort angekommen erwartete uns eine furchtbar nette Dame – Madeleine. Sie half uns unsere Sachen zum Trocknen aufzuhängen, machte uns heißen Kakao und hatte in der kurzen Zeit auch noch ein Tisch in einem Restaurant für uns reserviert. Wir waren überglücklich. Im warmen, gesättigt und das beste sollte am nächsten Tag folgen. 

 

Morgens frühstückten wir auf der Terrasse. Das Unwetter war längst vorbei, die Sonne schien und es sollte ein grandioser Tag werden. Wir erzählten Madeleine von unserer Tour und auf einmal platzte sie damit heraus, dass sie im Vorsitz des örtlichen Rotary Clubs sitzt. Wir konnten es gar nicht fassen. Alles wollte sie wissen, jedes kleinste Detail. Und tatsächlich trudelten ein paar Tage später Spenden aus Frankreich auf unserem Spendenkonto ein. Merci bouceaup! 

 

Wir fuhren nun weiter über die Pässe der Route des grandes Alpes, bis sich unsere Wege in Belfort trennten. Lea fuhr zurück nach München, mich hielt es noch ein paar Tage auf der Straße, bis ich wieder daheim war. Es war ein irrer Trip. Und wenn mich nochmal jemand fragen sollte, warum Europa so wichtig ist, dann sage ich nur: „Darum!“. Denn Mensch sein ist grenzenlos.